Essais II

Ein Mädchen von sehr zweideutiger Tugend stürtzt sich zu einem Fenster hinaus, um nicht von einem Soldaten genotzüchtigt zu werden
 
Während der Unordnungen unseres armen Staats, hat sich, wie man mir erzählt, ein Mädchen nahe bei dem Orte, wo ich war, aus dem Fenster herab gestürzt, um der Gewalt eines Soldaten, der bei ihr einquartiert war, zu entgehen. Sie hatte sich nicht zu Tode gefallen, wollte sich aber, um ihre Unternehmung zu verdoppeln, ein Messer in die Kehle stossen, wurde aber daran verhindert. Unterdessen bekannte sie doch selber, nachdem sie sich dadurch sehr beschädiget hatte, dass der Soldat mit nichts als mit Anhalten, Bitten und Geschenken in sie gesetzet hätte, allein sie hätte besorgt, er möchte endlich mit Gewalt kommen. Ihre Worte, ihre Gebärden, und das zum Zeugnisse ihrer Tugend vergossene Blut machten sie also zu einer andern Lucretia. Gleichwohl weiß ich gewiß, dass sie so wohl vorher als hernach nicht so gar ehrenfest gewesen ist. Es verhält sich hier, wie man in dem Sprichworte sagt: Du magst noch so schön und ehrbar sein, du darfst nicht gleich schliessen, wenn der Anschlag mißlingt, dass deine Liebste eine unverletzliche Keuschheit besitzt. Vielleicht kann einmal ein Mauleseltreiber sein Glück bei ihr machen.
 
 
—de Montaigne, Michel: Essais II, Versuche, Zweites Buch (1580)

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Kenner

 
(Schöne Künste) Diesen Namen verdient in jeden Zweig der schönen Künste, der, welcher die Werke der Kunst nach ihrem innerlichen Wert zu beurteilen und die verschiedenen Grade ihrer Vollkommenheit zu schätzen im Stand ist. Der Kenner steht zwischen dem Künstler und dem Liebhaber in der Mitte. Jener muss das Mechanische der Kunst verstehen und auch die Ausführung desselben in seiner Gewalt haben; dieser empfindet nur die Wirkung der Kunst, indem er ein Wohlgefallen an ihren Werken hat und nach dem Genuß derselben begierig ist. Alle drei urteilen über die Kunstwerke, aber auf sehr verschiedene Weise. Der Künstler, wenn er nicht zugleich ein Kenner ist und er ist es nicht allemal, beurteilt das Mechanische, das, was eigentlich der Kunst allein zugehört; er entscheidet, wie gut oder schlecht, wie glücklich oder unglücklich der Künstler dargestellt hat, was er hat darstellen wollen und in wie fern er die Regeln der Kunst beobachtet hat.

 
 
— Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, (1771)

Die menschliche Seele ist unbeständig und veränderlich

Nicht allein der Wind der Zufälle bewegt mich, nach dem er geht; sondern, was noch mehr ist, ich bewege und beunruhige mich selbst durch meine wankelbare Stellung. Wer genau Achtung gibt, wird sich schwerlich zwei mal in einerlei Zustande antreffen. Ich gebe meiner Seele bald dieses bald wieder ein anderes Ansehen, nach dem ich sie auf eine oder die andere Seite lege. Dass ich verschiedentlich von mir rede, kommt daher, dass ich mich verschiedentlich betrachte. Ich finde in mir alle einander entgegen gesetzte Eigenschaften, nach einer gewissen Reihe, und auf gewisse Weise. Ich bin schamhaft, unverschämt, keusch, wollüstig, geschwätzig, verschwiegen, arbeitsam, weichlich, sinnreich, dumm, verdrießlich, aufgeräumt, verlogen, wahrhaftig, gelehrt, unwissend, freigebig, geizig und verschwenderisch. Alles dieses sehe ich gewisser maßen bei mir, nachdem ich mich betrachte. Jeder, der sich aufmerksam ausforscht, findet an sich, und an seiner Urteilskraft selbst diese Unbeständigkeit und Verschiedenheit. Ich kann nichts von mir vollkommen, schlechterdings und gewiß, ohne Verwirrung und ohne Vermischung und mit einem Worte sagen. Distinguo ist das allgemeine Glied meiner Logik.

 
 
—de Montaigne, Michel: Essais II; Versuche; Zweites Buch (1580)